Bedeutung von Stress bei Allergien
Schlüsselworte
Stress, Lebensstil, Informationsflut, Allergien, atopisches Ekzem
Zusammenfassung
Die Prävalenz atopischer Erkrankungen ist in den Industriestaaten
im Verlauf der letzten 40 Jahre stetig gestiegen. Ein veränderter
Lebensstil mit zunehmender Informationsdichte, steigendem Aktivitätsniveau
und verkürzten Erholungszeiten zeichnet sich dafür als
mitverursachend verantwortlich. Nervosität und Anspannung führen
bei entsprechender Disposition zu einer Aktivierung des Immunsystems,
die bei entsprechender Disposition in dem Ausbruch oder der Verschlimmerung
atopischer Symptome münden. Fortdauernder Stress und sekundäre
Krankheitsprozesse begünstigen die Chronifizierung allergischer
Erkrankungen.
Bis
zu 15 Prozent der Bevölkerung leiden an allergischen Erkrankungen
aus dem atopischen Formenkreis mit überschießenden Immunreaktionen,
die teilweise zu Typ-I-Sensibilisierungen gegenüber normalerweise
harmlosen Umweltstoffen führen. Die wichtigsten Krankheitsbilder
sind die allergische Rhinokonjunktivits (Heuschnupfen), das Asthma
bronchiale und das atopische Ekzem (Neurodermitis).
Einfluss
des Lenbensstils auf Allergien
Die meisten wissenschaftlichen Untersuchungen richten ihr Augenmerk
auf die allergieauslösenden Stoffe, toxische Umwelteinflüsse
und den Ablauf der Entzündungsreaktion. Damit wird jedoch lediglich
ein Teil des Krankheitsprozesses erfasst. Gesundheit und Wohlbefinden
werden jedoch wesentlich durch den Lebensstil beeinflusst. Ein ganzheitliches
Verständnis von allergischen Erkrankungen erfordert daher die
Einbeziehung der persönlichen Lebenssituation. Epidemiologische
Untersuchungen konnten eine Häufung atopischer Erkrankungen
in der gehobenen Mittelschicht nachweisen. Nach der Wiedervereinigung
ist in den neuen Bundesländern die Rate der atopischen Erkrankungen
um mehr als das Doppelte gestiegen. Laut einer dänischen Studie
mit 24000 Kindern vermindert sich das Risiko für ein atopisches
Ekzem bei drei oder mehr Geschwistern (<0,86), bei Vorhandensein
von Haustieren (0,87) und durch das Aufwachsen auf einem Bauernhof
(0,90). Ein wesentlicher Grund dafür scheint zu sein, dass
bäuerliche Lebensgemeinschaften und Großfamilien im Gegensatz
zu urbanen Kleinfamilien ihren Tagesablauf stärker an biologischen
Rhythmen von Tier und Mensch orientieren.
Das Phänomen Stress
Infolge einer lebensstilbedingten Zunahme des allgemeinen Aktivitätsniveaus
(z.B. Termindruck) als auch der Informationsdichte um mehrere Zehnerpotenzen
hat das Phänomen Dauerstress eine wachsende Bedeutung gewonnen.
Stress äußert sich physiologisch als Druck und wird u.a.
als Anspannung oder Nervosität wahrgenommen. Druck verursacht
eine erhöhte Anspannung der Muskulatur. Als Indikatoren für
die Intensität des Druckes eignen sich besonders gut die Bauch-
und Schultermuskeln. Sie ziehen sich unter Stress unwillkürlich
zusammen und verstärken den Druck auf die inneren Organe und
das Gehirn. Dies wirkt sich auf die kognitive und emotionale Wahrnehmung
aber auch auf das Immunsystem und das konkrete Verhalten der Person
aus. Druck geht mit einem Gefühl der Enge im Brustkorb und
Kopf einher. Mit zunehmender Intensität von Druck und Enge
stellen sich Angst und Panik ein. Die lokale Entzündung entsteht
durch Freisetzung von Entzündungsmediatoren aus gewebeständigen
Mast- und Langerhanszellen. Diese stehen im direkten Kontakt mit
Nervenfasern und können sowohl durch Allergene als auch durch
Stress aktiviert werden. Emotionale Belastungen und Stress sind
somit auch auf der physischen Ebene bis in den Bereich zellulärer
Aktivität an der Entstehung und der Aufrechterhaltung von allergischen
Erkrankungen beteiligt.
Bedingt durch Adaptionsprozesse verschwimmt unter längerfristigem
Stress die Wahrnehmung der Grenze zwischen Belastung und Überlastung.
Ein spürbarer Bezug zwischen Anspannung und individuellen Symptomen
ist dann nicht mehr ausreichend gegeben. Kleinere Belastungen können
in diesem Zustand ausreichen um neue Symptomschübe zu provozieren.
Mit zunehmender Schwere der Symptomatik verstärkt sich eine
bereits vorhandene Entfremdung vom eigenen Körper und seinen
Reaktionen. Ungeeignete Bewältigungsversuche verursachen Hilflosigkeit
und führen zu noch mehr Anspannung und einer Zunahme der Symptome.
Darüber hinaus können Ängste, Depressionen, Schlafstörungen
parallel oder auch unabhängig von den atopischen Symptomen
auftreten.
Die erforderlichen Regenerationsphasen kommen bei Atopikern oft
zu kurz. Sich addierende Alltagsbelastungen und ein kognitiv dominierter
Bewältigungsstil begünstigen eine Chronifizierung der
Erkrankung. Erst eine individuelle Analyse der Krankheitsursachen
sowie eine ausreichende Schulung der Betroffenen führt langfristig
zum Abbau der Symptomschübe. Hierzu bedarf es einer Einbeziehung
der Körperwahrnehmung, zumal viele Patienten sich aufgrund
der häufig sehr belastenden Symptome von ihrem Körper
entfremdet haben. Eine paralelle symptomatische medikamentöse
Behandlung lindert nicht nur die Symptome, sie reduziert auch die
Hilflosigkeit.
Atopisches Ekzem
Beim atopischen Ekzem ist neben der Entzündung der Haut der
Juckreiz ein zentrales Symptom. Der Juckreiz ist vom Ausmaß
der aufgebauten Anspannung abhängig und tritt verstärkt
zu Beginn von Ruhephasen oder auch unmittelbar bei größeren
Belastungen auf. Das Kratzen hat die wichtige Funktion Anspannung
und Erregung kurzfristig abzubauen, sodass der Organismus schneller
zur Ruhe kommt. Das Kratzen beseitigt jedoch nicht die eigentliche
Ursache für die Anspannung. Zudem wird die Entzündung
in der Haut verstärkt. Abhängig von der Intensität
der Anspannung kann das Ausmaß des Juckreizes von Tag zu Tag
schwanken.
In der Behandlung des atopischen Ekzems hat sich eine Kombination
von dermatologischer und verhaltensmedizinischer Therapie sehr bewährt.
Die verhaltenstherapeutische Behandlung versucht die Stressverarbeitung
zu verbessern. Psychische Probleme mit der Hauterkrankung werden
ebenfalls bearbeitet. Mithilfe eines Kompetenztrainings und von
Rollenspielen kann den Betroffenen dabei geholfen werden, ihre sozialen
Defizite abzubauen. Durch kognitive Strategien wie Aufmerksamkeitsumlenkung
und Übungen zur Körperwahrnehmung lernen die Betroffenen
Anspannung zu regulieren, Belastungsgrenzen besser zu erkennen,
ihr Selbstwertgefühl zu steigern sowie eine positive Beziehung
zum eigenen Körper aufzubauen. Somatisch-emotionale Übungen,
die aus der Formativen Psychologie nach Stanley Keleman stammen,
bieten den Patienten die Möglichkeit einen direkt spürbaren
Bezug zwischen Verhaltensmuster und den Symptomen herzustellen.
Dabei wird der Patient angeleitet, individuelle Stressmuster wie
Aushalten oder sich unter Druck setzen bewusster wahrzunehmen. Durch
Intensivieren und Deintensivieren des mit dem Stressmuster einhergehenden
muskulären Spannung wird die Organisation des Verhaltens als
innere, aber auch als konkrete physische Haltung erfahrbar. Dieser
somatische Dialog hilft dem Patienten nicht wahrgenommene Anspannung,
zurückgehaltene Gefühle oder Leistungsdruck in Verbindung
mit seinen Symptomen zu erkennen. Das Stressmuster wird auf diese
Weise wie in Zeitlupe bewusst reproduziert. In einem weiteren Schritt
lernt der Patient sein Verhalten zu reorganisieren und eine aktivere,
die Bewältigung des Konfliktes unterstützende Haltung
einzunehmen. Die Symptome werden als Krise verstanden, die eine
Änderung des eigenen Verhaltens erfordert. Die Behandlung konzentriert
sich auf das, was der Patient tun kann, um eine bestimmte Situation
besser zu bewältigen. Die dafür nötigen Verhaltensmuster
werden wiederholt eingeübt.
Im Rahmen einer klinischen Studie an der Hautklinik Mainz wurden
41 Neurodermitis-Patienten drei Monate mit beschriebenen verhaltensmedizinischen
Therapieansatz (Formative Gruppenpsychotherapie) behandelt. Als
Kontrollgruppe diente Autogenes Training. In die Untersuchung wurden
fast ausschließlich Patienten mit einer schweren Erkrankung
eingeschlossen. Zu Beginn der Behandlung lag der erkrankte Hautanteil
im Durchschnitt bei 60%. Die Therapie führte zu einer hoch
signifikanten Verbesserung von Hautzustand, Ängstlichkeit,
Depressivität und Hilflosigkeit. Bei der Kontrolluntersuchung
nach einem Jahr wurden weitere signifikante Verbesserungen des Gesamtzustandes
darunter ein signifikant verringertes Gesamt-IgE festgestellt.